Bevor die Bahn von Hartmut Mehdorn in Grund und Boden gewirtschaftet wurde hieß sie Bundesbahn, gehörte zu 100 % dem Bund und Ihre Pünktlichkeit war damals sprichwörtlich. Die Fahrgäste wurden zuverlässig und in gepflegter Umgebung von A nach B befördert. Es wurde mit dem Spruch geworben "Urlaub von Anfang an".
Die einzige Gemeinsamkeit mit jenen - man muss schon sagen legendären Tagen

sind die Schienen, auf denen die Züge fahren. Alles andere ist verkommen bis abartig - was sich im Besonderen auf das bezieht was sich im Inneren der Menschentransporter abspielt.
Wenn es hoch kommt fahre ich zwei mal im Jahr mit der Bahn. Gestern war es mal wieder so weit - mit einmal umsteigen in Essen weiter nach Düsseldorf. Das der Bahnhof nicht nur in Marl-Sinsen zunehmend vor sich hin gammelt, erkennt man während der Fahrt - vorbei an anderen Bahnruinen. Brachliegende Gebäude und Gleisanlagen, in die nicht einmal für den Abriss investiert wird, sondern über die sich die Natur hermacht. Nachdem wir im Bahnhof- Essen, mit drei Minuten Verspätung angekommen waren und zu dem entgegen liegenden Bahnsteig geeilt waren, fuhr unser Anschlusszug gerade aus dem Bahnhof. Also schnell den Nächstmöglichen auf dem Fahrplan gesucht. Als wir uns in den Hard-Express reindrängten war dieser bereits überfüllt. Nach der Suche durch mehrere Wagons standen wir schließlich neben anderen Fahrgästen im Eingangsbereich. Die Situation verschärfte sich an jedem folgenden Bahnhof, weil mehr Menschen ein als aussteigen wollten. Durch die rollende Sardinenbüchse drängten sich lauthals besoffene Partygesellschaften. Der Müll quoll aus den Behältern und säumte den Boden. Der penetrant Abfallgestank umrahmte die Szenerie im Wechsel mit Schweißgeruch und überdosierten Duftwässern. Endlich In Düsseldorf angekommen, standen die nächsten Promillegruppen auf dem Bahnsteig. Offenbar ein Junggesellenabschied - der Bräutigam in einem Peniskostüm. Ein paar Meter weiter eine Ansammlung Jugendlicher, die mit Bier und Zigaretten bestückt ein Teil des Bahnsteiges als Partyareal missbrauchten. Auf dem Abgang durch das Treppengeländer separierte Fußballfans - ebenfalls mit Bierflaschen bestückt - die sich, wie beim Sport heute üblich anbrüllten und bespuckten.
Für die Rückfahrt hatte ich eine durchgehende Verbindung ausgesucht. Als wir den Hard-Express abends bestiegen, bot sich ein ähnliches Bild wie am Nachmittag - jedoch nicht so überfüllt. Wir ergatterten sogar drei Sitzplätze hinter einer Gruppe aus dem Raum Steinfurt, die dem Anschein nach einen Betriebsausflug machte - natürlich mit einer Kiste Bier und Alkohol ausgestattet. Pausenlos plärrte aus einem Handy ein Art Musik. Der kontrollierende Schaffner wurde zünftig mit einem Schlachtenruf empfangen, bevor Willy und Anja im engen Gang das Tanzbein schwangen und von den Anderen grölend begleitet wurden. Der verbale Inhalt war größtenteils unter der Gürtellinie während Anja versuchte den Großraumwagen mit versautem Liedgut zu beglücken. Zwischendurch stolperte ein abgerissen wirkender Mann durch den Zug, der mit seinem Müllsack offenbar auf der Suche nach leeren Flaschen war. Das Steinfurter Leergut hatte er leider nicht eingesackt und so steckten wir bis zum Bahnhof Sinsen, wie ein Frendkörper in dem Haufen menschlichen Abfalls.

 

Mit der Deutschen Bahn fahren zu wollen bedeutet sich in eine Subkultur zu begeben, die offenbar von regelmäßigen Konsumenten als völlig normal unbeachtet bleibt. Sollte es für mich irgendwann unvermeidlich sein, nochmal mit der Bahn fahren zu müssen werde ich Ohropax, Alkohol und irgendein Lärminstrument mitnehmen - halt die minimale Grundausstattung für einen Fahrtgast. Eine Fahrt mit der Deutschen Bahn hat mit Reisen soviel zu tun wie die NASA mit einer Landung auf dem Mond - beides ein Hirngespinnst.